Jahresrückblick 2009: Rekordmilchanlieferung und Intervention

(ZMB/WO) 2009 war ein bewegtes Jahr am deutschen Milchmarkt.

Die Milchanlieferung erreichte einen neuen Rekord. Die Nachfrage wurde von der Wirtschafts- und Finanzkrise in Mitleidenschaft gezogen und zwischen Angebot und Nachfrage stellte sich ein Ungleichgewicht ein. Der Markt musste durch Intervention entlastet werden. Die Milchpreise gerieten wieder unter den Einfluss der administrativen Preise und gaben damit deutlich nach. Seit Herbst 2009 setzte eine Erholung ein, die die Erwartungen vieler Marktbeteiligter übertraf.

Wirtschaftskrise hinterließ Spuren

Die Land- und Milchwirtschaft musste sich 2009 in einem schwierigen gesamtwirtschaftlichen Umfeld bewegen. Auch wenn die Ernährungswirtschaft von der Finanz- und Wirtschaftskrise weit weniger betroffen war als andere Zweige der Wirtschaft, wirkte diese sich negativ auf die Konsumlust der Verbraucher aus –trotz deutlich reduzierter Inflationsraten. Als unmittelbare Auswirkung der Finanzkrise wurde die Kreditvergabe restriktiver gehandhabt, Kreditlinien wurden gekürzt und Kreditversicherungen teurer. Es kam außerdem zu erheblichen Währungsschwankungen, viele Währungen werteten gegenüber dem Euro erheblich ab. Dies hat Exporte auf den Weltmarkt zusätzlich zur zeitweisen konjunkturellen Kaufzurückhaltung erschwert. Von steigender Arbeitslosigkeit war Deutschland weniger stark betroffen als andere Länder, vor allem aufgrund der Möglichkeit der Kurzarbeit. Diese zog aber Rückgänge im Außer-Haus-Konsum – einem wichtigen Absatzkanal für die Milchwirtschaft - nach sich. Trotzdem kauften die deutschen Haushalte auch weniger Milchprodukte im Einzelhandel ein.

Milchanlieferung erreichte neuen Rekord

Die Milchanlieferung an die deutschen Molkereien stieg 2009 auf schätzungsweise 28,5 Mio. Tonnen. Dies waren 2,5 % mehr als im Vorjahr und der höchste Stand seit 1991. In den letzten Jahren ist bei der Milchanlieferung in Deutschland ein kontinuierlicher Aufwärtstrend zu beobachten, wenn auch mit Schwankungen von Jahr zu Jahr. Die deutschen Milcherzeuger haben die Spielräume, die Milchanlieferung zu steigern, die die Quotenerhöhungen im Rahmen der EU-Agrarreform boten, meist genutzt. Von 2006 bis 2009 wurden die Quoten insgesamt um 4,5 % erhöht. Die Änderungen bei der Berechnung der Fettkorrektur, die seit dem 1. April 2009 in Kraft sind, wirken wie eine zusätzliche Quotenerhöhung. Damit wurde die kontinuierliche Verringerung der Milchkuhherde, die unter der Maßgabe der Quotenregelung aufgrund der kontinuierlichen Steigerungen der Milchleistung notwendig waren, weitgehend gestoppt. Schätzungsweise 4,2 Mio. Milchkühe wurden Ende 2009 in Deutschland gehalten, nur geringfügig weniger als ein Jahr zuvor.


Der Strukturwandel in der Milchviehhaltung bewegte sich 2009 nach bislang vorliegenden Daten in ähnlichen Dimensionen wie in den Vorjahren. Mitte 2009 wurden in Deutschland 97.400 Milchviehhaltungen gezählt, das waren 3,5 % weniger als ein Jahr zuvor. Das Interesse am Quotenkauf war trotz der historisch niedrigen Milchpreise ungebrochen. Für 536.000 Tonnen Milch wurden 2009 Quoten über die Börse gehandelt, rund 50.000 Tonnen mehr als im Vorjahr. Das Angebot an Quoten nahm im Vergleich zum Vorjahr zu, die Nachfrage ab. Der Nachfrageüberhang fiel geringer aus als in den Vorjahren. Die Quotenpreise gaben weiter nach, was aufgrund der immer kürzeren Nutzungsdauer bis zum Auslaufen der Quotenregelung im Jahr 2015 den Erwartungen entspricht. Im Durchschnitt der drei Börsentermine im Jahr 2009 lagen sie bei 0,18 Cent/kg und damit um 0,16 Cent/kg niedriger als im Durchschnitt von 2008, was fast einer Halbierung entspricht. Beim November-Termin stiegen die Preise nochmals leicht an, was auf Diskussionen um die Änderung der Saldierung zurückzuführen sein könnte.

Sinkender Gehalt an Milchfett

Die durchschnittlichen Gehalte an Inhaltsstoffen blieben auf dem verringerten Niveau des Vorjahres stabil. Schätzungsweise lag der durchschnittliche Fettgehalt der angelieferten Milch in Deutschland bei 4,14 %. Damit hat sich der Rückgang des Fettgehaltes, der seit Mitte der Neunziger-Jahre zu beobachten ist, stabilisiert. 1995 hatte der Fettgehalt im Schnitt noch bei 4,25 % gelegen.

Quoten unterliefert


Die Milchquoten waren zu Beginn des Quotenjahres 2008/09 um 2,5 % erhöht worden. Nach einer deutlichen Quotenüberschreitung im Jahr zuvor wurden die Quoten 2008/09 nicht vollständig ausgenutzt, sondern um 0,9 % unterliefert. Diese Unterlieferung entsprach recht genau der Menge, die im Mai und Juni 2008 während des damaligen Milchlieferboykotts nicht angeliefert worden war. Dennoch wurden im Quotenjahr 2008/09 rund 80.000 t mehr Milch angeliefert als im Jahr zuvor. In der ersten Hälfte des Quotenjahres 2009/10 wurde die Anlieferung der beiden Vorjahre um 3,6 bzw. 4,2 % übertroffen. Ob die Quoten überliefert oder unterliefert werden, zeichnete sich bis Ende 2009 noch nicht eindeutig ab.

Mehr Käse hergestellt

Die zusätzlich angelieferten Milchmengen wanderten 2009 teilweise in die Käseherstellung. Mit 2,18 Mio. Tonnen erreichte diese einen neuen Allzeitrekord. Vor allem wurden mehr Schnittkäse und Pasta-Filata- Käse hergestellt. Die Mehrproduktion fand ihren Absatz zu einem guten Teil im Ausland. Die Exporte erhöhten sich um mehr als 50.000 t auf schätzungsweise 970.000 t und verfehlten damit die Marke von 1 Million Tonnen nur knapp. Gleichzeitig gingen die Importe zurück. Der Verbrauch blieb im Vergleich zum Vorjahr weitgehend unverändert. Damit stagnierte der Käsekonsum in Deutschland im zweiten Jahr in Folge. Die Käsepreise waren 2009 von Schwächen gekennzeichnet. Bis zur Jahresmitte sanken sie auf einen historischen Tiefststand, der die Tiefstpreise, die 1999 während der Russlandkrise, die zu einem drastischen Einbruch der Käseexporte geführt hatte, noch deutlich unterschritt. Erst im Herbst als es mit dem saisonalen Rückgang der Milchanlieferung bei gleichzeitiger Erholung der Preise für Butter und Magermilchpulver zu einer Drosselung der Produktion kam, verringerten sich die Bestände in den Reifelagern drastisch und die Preise zogen im kurzfristigen Geschäft wieder deutlich an. Gleichzeitig gaben allerdings die Preise im Einzelhandel für aufgeschnittene Ware nach. Nachdem die Preise für Molkenpulver im Lauf von 2009 wieder deutlich gestiegen sind, leistete das Koppelprodukt Molke 2009 wieder einen höheren Beitrag zur Käsereiverwertung als im Vorjahr.


Mehr Konsummilch, weniger Sauermilcherzeugnisse hergestellt

Bei den Produkten des weißen Sortiments war 2009 keine einheitliche Tendenz festzustellen. Die Produktion von abgepackter Trinkmilch stieg im zweiten Jahr in Folge an, während in der Gruppe der Frischprodukte wie Joghurt, Milchmischgetränke und Desserts im zweiten Jahr in Folge ein Produktionsrückgang festzustellen war. Bis einschließlich 2007 war diese Produktkategorie von einem kontinuierlichen Wachstum gekennzeichnet gewesen. Die Produktionsveränderungen im weißen Sortiment waren teilweise auf Änderungen im Auslandsgeschäft zurückzuführen. Bei Konsummilch waren steigende Exporte zu verzeichnen, bei den Frischprodukten hingegen sinkende. Der Haushaltskonsum ging nach den Erhebungen der GfK sowohl bei Trinkmilch wie auch bei Joghurt zurück. Bei Joghurt fielen die Absatzrückgänge mit einem Minus von 4,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr in den ersten zehn Monaten von 2009 überraschend groß aus.

Schwankende Butterpreise

Von kräftigen Preisschwankungen war im Jahr 2009 der Buttermarkt gekennzeichnet. Zu Jahresbeginn sanken die Preise für Blockbutter unter die Interventionsverwertung, obwohl das Instrument der Privaten Lagerhaltung bereits seit Januar zur Stabilisierung des Marktes genutzt werden konnte. Dies Instrument wurde auch stark in Anspruch genommen, besonders in den ersten Monaten des Jahres. Insgesamt wurden bis Mitte August 2009 29.254 t Butter für den Saisonausgleich im Herbst eingelagert, 2.144 t mehr als im Vorjahr. Durch Verkäufe an die Interventionsstellen im Umfang von 10.080 t – die höchsten seit 2003 - wurde der Markt ausreichend entlastet. Ohnehin ging die Butterproduktion trotz der deutlich gestiegenen Milchanlieferungen leicht zurück. Der Verbrauch dürfte leicht gestiegen sein. Darauf deuten jedenfalls die Daten aus der GfK-Haushaltsmarktforschung hin, die für die ersten zehn Monate einen Anstieg der Haushaltseinkäufe um 4,1 % im Vergleich zum Vorjahr ausweisen. Auch in der Industrie scheint sich die Verwendung von Butter und Milchfett wieder etwas erholt zu haben. Zur Renaissance der Butter haben vermutlich die niedrigeren Verbraucherpreise mit beigetragen, die im Frühjahr 2009 auf den niedrigsten Stand seit den 1950er Jahren gesunken waren. Im Herbst traten überraschende Angebotsengpässe am Buttermarkt auf. Die Preise für Blockbutter erholten sich kräftig und stiegen wieder deutlich über die Interventionsverwertung. Die Verbraucherpreise folgten der Entwicklung. Von März bis November 2009 stiegen die Preise im Einzelhandel um gut 20 Cent je 250-g-Päckchen.

 


Magermilchpulver in die Intervention

Der Markt für Magermilchpulver war 2009 von einer deutlichen Ausweitung der Produktion und umfangreichen Verkäufen an die Interventionsstellen gekennzeichnet. In Deutschland wurden schätzungsweise 320.000 t Magermilchpulver hergestellt, das waren rund 30 % mehr als im Vorjahr und die höchsten Mengen seit dem Jahr 2000. Ursachen für den starken Anstieg waren die höhere Milchanlieferung und die zunehmende Verbreitung der Eiweißstandardisierung. Außerdem hat der Rückgang der Produktionen von Kasein und Vollmilchpulver Magermilchmengen für die Trocknung freigesetzt. Die höheren Magermilchpulver fanden keine Käufer am Markt, zumal sich bereits 2008 ein gewisser Bestandsaufbau – damals vollständig in privater Hand – abgespielt haben dürfte. Hinzu kommt, dass die Kälbermilchindustrie, die vor wenigen Jahren noch ein Drittel der gesamten EU-Produktion an Magermilchpulver aufgenommen hat, seit 2007 dauerhaft weniger Magermilchpulver einsetzt. So wanderten 2009 erstmals seit 2003 wieder umfangreiche Mengen in die Intervention. In Deutschland beliefen sich die Ankäufe auf 66.613 t. Das waren rund 21 % der gesamten Produktion und die höchsten Mengen nach 1991. Vor Beginn der Intervention ab Anfang März waren die Preise unter die Interventionsverwertung gesunken. Im Herbst kamen die Verkäufe an die Interventionsstellen zum Stillstand und die Preise stiegen wieder an, allerdings nicht so kräftig wie die für Butter. Im Jahresdurchschnitt lagen die Preise für Magermilchpulver in Lebensmittelqualität bei 1.780 EUR/Tonne. Das waren rund 500 EUR je Tonne weniger als noch 2008 und der tiefste Stand seit Anfang der 1980er Jahre.

Stagnierender Verbrauch, steigende Exporte

Neben der Intervention diente 2009 der Export der deutschen Milchwirtschaft als Absatzventil. Sie konnte 2009 mehr Milchprodukte exportieren als im Vorjahr, obwohl die Exporte der EU auf den Weltmarkt eher schleppend verliefen. Dass Deutschland vor allem in andere EU-Länder liefert, hat sich als stabilisierend erwiesen. In erster Linie die Exporte von Käse und abgepackter Trinkmilch stiegen an. Beim Käseexport konnten Einbußen im Drittlandsgeschäft durch steigende Exporte in EU-Länder mehr als kompensiert werden.

Der Verbrauch im Inland war eher von Stagnation gekennzeichnet, insbesondere, was die Produkte des weißen Sortiments und Käse betrifft. Die Gfk weist für alle wichtigen Warengruppen für die ersten zehn Monate von 2009 Absatzrückgänge im Vergleich zu 2008 und 2007 aus. Einzige Ausnahme ist Butter. Der Einfluss von schwankenden Verbraucherpreisen scheint sich nicht im gesamten Sortiment der Molkereiprodukte in gleicher Weise auf den Verbrauch auszuwirken. Im Lauf von 2009 kam es im Frühjahr zu deutlichen Senkungen der Großhandels- und Verbraucherpreise für Trinkmilch und andere Produkte des weißen Sortiments. Die Preisrückgänge haben den Absatz nicht stimuliert, wohingegen Preiserhöhungen im Jahr 2007 offensichtlich Preisrückgänge nach sich gezogen haben. Bei Butter scheinen die Verbraucher auf Preissenkungen stärker reagiert zu haben.

Stützung im Rahmen der Marktordnung

Nachdem sich die EU-Kommission in den Vorjahren zunehmend aus der Anwendung der Marktordnungsinstrumente zurückgezogen hatte, machte sie von Marktordnungsinstrumenten 2009 wieder stärker Gebrauch. Die Private Lagerhaltung für Butter war bereits ab dem 1. Januar möglich, nicht wie in den Vorjahren erst ab Anfang oder Mitte März. Von Januar bis Oktober 2009 gewährte sie wieder Exporterstattungen für Milchprodukte. Die Intervention von Butter und Magermilchpulver wurde nach Erreichen der Mengengrenzen von 30.000 t bzw. 109.000 t zu weitgehend stabilen Preisen im Ausschreibungsverfahren fortgesetzt. Die zeitliche Begrenzung der Intervention bis August wurde ausgesetzt. Nach Ende der Einlagerung von Butter in die Private Lagerhaltung wurde dieses Programm fortgesetzt. Von Mitte August 2009 bis Februar 2010 kann weiter eingelagert werden, wobei Entnahmen vor Mitte August 2010 nicht zulässig sind. Die Auszahlung der Direktbeihilfen konnte früher erfolgen als üblich. Außerdem wurden zusätzliche EU-Mittel von 300 Mio. EUR für die Milcherzeuger bereitgestellt, davon 61 Mio. EUR für Deutschland. Die Bundesregierung hat ein Sonderprogramm Landwirtschaft im Umfang von 750 Mio. EUR aufgelegt. Dieses enthält eine Kuhprämie und Grünlandprämie, die den Milcherzeugern zu Gute kommen. Und nicht zuletzt hat die Kommission trotz kräftiger Preissteigerungen im Herbst keine Mengen aus den Interventionsbeständen freigegeben und verkauft. Allerdings stützt sie den Markt nicht über der Interventionsverwertung. Nachdem die Preise am Weltmarkt wieder über diese gestiegen waren, hat sie die Exporterstattungen wieder auf Null reduziert.


Erzeugerpreise deutlich gesunken

Auf den historischen Höchststand der Milcherzeugerpreise im Jahr 2008 folgte ein historischer Tiefststand im Jahr 2009. Nachdem die Preise für Milchprodukte auf historische Tiefststände gefallen waren, gerieten auch die Milcherzeugerpreise massiv unter Druck. In allen Regionen Deutschlands gaben sie früher oder später deutlich nach. Im Jahresmittel dürften sie sich zwischen 24,2 und 24,5 Cent pro Kilogramm Milch mit 3,7 % Fett und 3,4 % Eiweiß bewegt haben und damit im Vergleich zum rund 28 % gesunken sein. Dies sind die niedrigsten Milchpreise seit Mitte der 1970er Jahre. Mit der Erholung der Preise für Milchprodukte im Herbst setzte auch wieder eine Trendwende bei den Milchpreisen ein.

Stabilere Ausgangslage für 2010


2010 beginnt unter stabileren Rahmenbedingungen als 2009. Die Bestände bei den Herstellern und Verarbeitern sind im Vergleich zum Vorjahr auf einem deutlich niedrigen Niveau. Für die meisten Milchprodukte wie auch am Rohstoffmarkt werden Ende 2009 höhere Preise erlöst als vor Jahresfrist. Auch am Weltmarkt werden höhere Preise erzielt. Die Nachfrage aus Asien hat sich wieder belebt. Die Wirtschaft ist nach der Finanzkrise teilweise wieder auf Erholungskurs. Dies dürfte die Nachfrage aus Asien und erdölexportierenden Ländern wieder stimulieren. Am Weltmarkt geht das Angebot aus anderen Regionen zurück, da in Australien, Südamerika und den USA eine rückläufige Entwicklung der Milcherzeugung zu beobachten ist. Und nicht zuletzt kann man davon ausgehen, dass die EU-Kommission die Marktordnungsinstrumente in ähnlicher Weise wie 2009 marktstützend anwenden wird, falls sich ein saisonales Marktungleichgewicht ergeben sollte. Für die Milchpreise ist in jedem Fall eine gewisse Befestigung im Vergleich zu 2009 zu erwarten, da die starken Ausschläge nach unten, wie sie 2009 zu beobachten waren, sich nicht wiederholen werden.

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